Grundlagen
Nachhallzeit: Definition, Sollwerte, Berechnung nach Sabine
Die Nachhallzeit ist die Zeit in Sekunden, in der der Schallpegel in einem Raum nach dem Verstummen der Quelle um 60 Dezibel abfällt, kurz T60 oder RT60. Sie ist die zentrale Kenngröße der Raumakustik: Kurz heißt trocken und verständlich, lang heißt hallig und laut. Berechnet wird sie nach Sabine aus dem Raumvolumen und der äquivalenten Absorptionsfläche, T = 0,161 · V / A, und zwar getrennt für jedes Oktavband von 125 bis 4000 Hz.
Camber Acoustics, Ingenieurbüro für Raumakustik · Stand 14. September 2026
Die Sabine-Formel
T = 0,163 · V / A. V ist das Raumvolumen in Kubikmetern, A die äquivalente Absorptionsfläche in Quadratmetern, also die Summe aller Teilflächen mal ihrem Absorptionsgrad zwischen 0 (schallhart) und 1 (vollständig absorbierend), plus die Absorption von Personen, Möbeln und Luft. Ein Klassenraum mit 200 m³ und 30 m² äquivalenter Absorptionsfläche hat 1,09 Sekunden Nachhallzeit. Um auf 0,57 Sekunden zu kommen, braucht er 57 m², also 27 m² mehr. Genau diese Differenz je Oktavband ist der Absorptionsbedarf, den ein Gutachten ausweist.
Warum je Oktavband
Absorber wirken frequenzabhängig. Ein 20 mm dünner Schaumstoff schluckt bei 2000 Hz fast alles und bei 125 Hz fast nichts. Deshalb wird die Nachhallzeit für jedes Oktavband einzeln berechnet und nachgewiesen, und deshalb scheitern viele Räume nicht in den Mitten, sondern bei 125 und 250 Hz. Die Absorptionsgrade der Produkte kommen aus Messungen im Hallraum nach DIN EN ISO 354; der Einzahlwert αw und die Absorberklassen A bis E nach ISO 11654 sind nur eine Zusammenfassung, gerechnet wird mit den Bandwerten.
Was gute Werte sind
| Raum | Zielwert | Regel |
|---|---|---|
| Kita-Gruppenraum 150 m³ | 0,43 bis 0,53 s | DIN 18041, A4 oder A3 |
| Klassenraum 200 m³ | 0,46 bis 0,57 s | DIN 18041, A4 oder A3 |
| Besprechungsraum 100 m³ | 0,47 s | DIN 18041, A3 |
| Großraumbüro | höchstens 0,6 s | ASR A3.7, 5.2.1 |
| Aula 800 m³ | 0,93 s | DIN 18041, A2 |
| Musikraum 300 m³ | 1,19 s | DIN 18041, A1 |
DIN-Werte nach den Formeln der Norm, gerundet; erlaubt ist ein Toleranzband um den Sollwert.
Sabine oder Eyring
Sabine setzt voraus, dass die Absorption gleichmäßig im Raum verteilt ist. Sitzt sie fast nur in der Decke, etwa bei einer Akustikdecke über hartem Boden, liegt die gemessene Nachhallzeit oft über der berechneten. Bei sehr stark absorbierenden Räumen überschätzt Sabine die Nachhallzeit. Dann ist die Formel nach Eyring genauer. DIN EN 12354-6 beschreibt das Rechenverfahren, DIN EN ISO 3382-2 die Messung. Unsere Gutachten weisen beide Verfahren aus, wo der Unterschied relevant wird.
Berechnen oder messen
Für Planung und Nachweis reicht die Berechnung, wenn Geometrie und Oberflächen bekannt sind; sie ist der in ASR A3.7 genannte erste Weg. Die Messung zeigt den Ist-Zustand samt aller unbekannten Einflüsse und dient der Abnahme. Für Bestandsräume mit unklaren Oberflächen kann eine Messung vor der Planung sinnvoll sein.
Typische Werte im Bestand
| Raum unbehandelt | Nachhallzeit (Mitten) | Sollwert |
|---|---|---|
| Klassenraum mit Betondecke und Linoleum | 1,0 bis 1,5 s | 0,46 bis 0,57 s |
| Kita-Gruppenraum | 0,8 bis 1,5 s | 0,43 bis 0,53 s |
| Bürogeschoss mit Glas und Beton | 0,9 bis 1,4 s | höchstens 0,6 bis 0,8 s |
| Gastraum mit Fliesen und Glas | 1,2 bis 2,0 s | etwa 0,8 s (A/V ≥ 0,20) |
| Sporthalle mit harten Wänden | 3 bis 6 s | 1,6 bis 2,0 s |
Erfahrungswerte, gemessen oder berechnet im unbesetzten Raum. Der Sollwert hängt vom Volumen ab.
T60, T20, T30 und EDT
T60 ist die Definition: Abfall um 60 Dezibel. Gemessen wird das selten direkt, weil der Störpegel im Raum zu hoch ist. Deshalb wertet man den Abfall von 5 auf 25 Dezibel (T20) oder von 5 auf 35 Dezibel (T30) aus und rechnet auf 60 Dezibel hoch. DIN EN ISO 3382-2 bevorzugt T20. EDT, die frühe Abklingzeit aus den ersten 10 Dezibel, beschreibt den subjektiven Eindruck besser, ist aber keine Nachweisgröße nach DIN 18041.
Nachhallzeit und Lautstärke
Absorption senkt nicht nur den Hall, sondern den Pegel im Raum. Im diffusen Schallfeld sinkt der Pegel um 3 Dezibel, wenn sich die äquivalente Absorptionsfläche verdoppelt. Halbiert eine Maßnahme die Nachhallzeit eines Raums, wird es dort etwa 3 Dezibel leiser, bevor die Menschen leiser sprechen. Weil sie in einem ruhigeren Raum tatsächlich leiser sprechen, ist der Gewinn in Kitas, Klassen und Gasträumen in der Praxis größer.
Personen und Besetzung
Menschen absorbieren, vor allem in den Mitten und Höhen. DIN 18041 bezieht den Sollwert deshalb auf 80 Prozent Besetzung und gibt in ihrem Anhang Werte für Personen und Gestühl an. Ein Klassenraum ist leer deutlich halliger als im Unterricht. Das Gutachten rechnet beide Zustände: den besetzten für den Nachweis, den unbesetzten als Erwartungswert für eine spätere Messung.
Häufige Fragen
- Was ist eine gute Nachhallzeit?
- Das hängt von der Nutzung ab. Unterrichts- und Gruppenräume liegen bei 0,4 bis 0,6 Sekunden, Büros unter 0,6 bis 0,8 Sekunden, Vortragsräume um 0,9 Sekunden, Musikräume über 1 Sekunde. Maßgeblich sind DIN 18041 und ASR A3.7.
- Wie berechne ich die Nachhallzeit selbst?
- Nach Sabine: T = 0,163 mal Volumen geteilt durch die äquivalente Absorptionsfläche. Die Absorptionsfläche ist die Summe aller Flächen mal Absorptionsgrad, je Oktavband. Für einen belastbaren Nachweis braucht es geprüfte Absorptionsgrade nach DIN EN ISO 354 und die Rechnung je Band.
- Warum ist mein Raum bei 125 Hz noch hallig, obwohl die Decke absorbiert?
- Weil die meisten dünnen Absorber bei tiefen Frequenzen kaum wirken. Für 125 und 250 Hz braucht es dickere Absorber, einen Abstand zur Decke oder eigens ausgelegte Tiefenabsorber. Das Gutachten rechnet jedes Band einzeln.
- Was ist der Unterschied zwischen Nachhallzeit und Schalldämmung?
- Die Nachhallzeit beschreibt, wie lange Schall im Raum bleibt. Die Schalldämmung beschreibt, wie viel Schall durch Wand oder Decke in den Nachbarraum gelangt. Absorber verbessern die Nachhallzeit, gegen den Nachbarn helfen sie kaum.
- Wie lang darf die Nachhallzeit in der Wohnung sein?
- Es gibt keine Vorschrift. Als angenehm gelten in Wohnräumen 0,4 bis 0,6 Sekunden, im Homeoffice eher 0,4 bis 0,5 Sekunden. Räume mit Parkett, Glas und wenig Textil liegen oft über 1 Sekunde.
Quellen
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