Norm
DIN 18041 einfach erklärt: Nachhallzeit, Raumgruppen, Nachweis
DIN 18041:2016-03 „Hörsamkeit in Räumen“ ist die deutsche Norm für die Raumakustik von Unterrichts-, Vortrags-, Musik- und Aufenthaltsräumen. Sie teilt Räume in zwei Gruppen: Gruppe A mit einer Soll-Nachhallzeit, die vom Raumvolumen abhängt, und Gruppe B mit einer Mindestabsorption je Kubikmeter. Nachgewiesen wird je Oktavband von 125 bis 4000 Hz innerhalb eines Toleranzbands.
Camber Acoustics, Ingenieurbüro für Raum- und Bauakustik · Stand 7. Oktober 2026
Raumgruppen A1 bis A5 und B1 bis B5
DIN 18041 unterscheidet zwei Gruppen mit je fünf Nutzungsarten. Gruppe A gilt für Räume, in denen über mittlere und größere Entfernungen gesprochen oder musiziert wird. Dort zählt die Nachhallzeit. Gruppe B gilt für Räume, in denen man sich über kurze Entfernungen unterhält. Dort geht es vor allem um weniger Lärm. Die Norm empfiehlt eine Mindestabsorption.
| Gruppe | Nutzung | Typische Räume | Anforderung |
|---|---|---|---|
| A1 | Musik | Musikraum zum Musizieren und Singen | Soll-Nachhallzeit aus dem Volumen |
| A2 | Sprache und Vortrag | Aula, Hörsaal, Gemeindesaal, Gerichts- und Ratssaal | Soll-Nachhallzeit aus dem Volumen |
| A3 | Unterricht und Kommunikation, auch Vortrag mit inklusiver Nutzung | Klassenraum, Seminarraum, Besprechungsraum, Gruppenraum in Kita und Senioreneinrichtung | Soll-Nachhallzeit aus dem Volumen |
| A4 | Unterricht und Kommunikation inklusiv | dieselben Räume wie A3 mit erhöhtem Anspruch, dazu Videokonferenzraum, nur bis 500 m³ | Soll-Nachhallzeit aus dem Volumen, rund 20 Prozent unter A3 |
| A5 | Sport | Sporthalle, Schwimmhalle | Soll-Nachhallzeit aus dem Volumen, ab 10.000 m³ 2,0 s |
| B1 | Räume ohne Aufenthaltsqualität | reine Verkehrsflächen | keine Anforderung |
| B2 | kurzfristiges Verweilen | Eingangshalle oder Flur mit Wartebereich, Schalterhalle, Umkleide in der Sporthalle | A/V ≥ 0,15 1/m |
| B3 | längerfristiges Verweilen | Flur in Schule und Kita, Speiseraum, Kantine, Pausenraum, Bibliothek, Labor, Verkaufsraum | A/V ≥ 0,20 1/m |
| B4 | Bedarf an Lärmminderung und Raumkomfort | Empfang mit ständigem Arbeitsplatz, Essensausgabe, Mehrpersonenbüro (dazu ASR A3.7) | A/V ≥ 0,25 1/m |
| B5 | besonderer Bedarf an Lärmminderung und Raumkomfort | Speiseraum in Schule und Kita, Bewegungsraum in der Kita, Spielflur und Umkleide in Schule und Kita, Werkraum, Großküche | A/V ≥ 0,30 1/m |
Beispiele nach DIN 18041:2016-03, wie sie ein Tagungsbeitrag zur Euronoise 2018 und die Broschüre „Akustik im Schulbau“ (2024) wiedergeben. Für Gruppe B nennt die Norm Richtwerte. A/V-Werte für Räume bis 2,50 m Höhe. Bei 3 m Höhe sinken sie nach der Formel der Norm auf 0,14 (B2), 0,19 (B3), 0,23 (B4) und 0,27 (B5).
Die Einstufung ist eine Planungsentscheidung. Camber Acoustics begründet sie im Gutachten für jeden Raum. Bei gemischter Nutzung, etwa einer Mensa, die auch Lernort ist, muss sie im Einzelfall abgewogen werden.
Gruppe A: Räume mit Hörsamkeit über mittlere und größere Entfernungen
Für Gruppe A gibt die Norm eine Soll-Nachhallzeit T_soll vor, die mit dem Raumvolumen V wächst. Die Formeln aus der Norm, wie sie auch in unseren Gutachten stehen:
| Raumgruppe | Nutzung | Soll-Nachhallzeit | Beispiel |
|---|---|---|---|
| A1 | Musik | T = 0,45 · lg(V) + 0,07 s | Musikraum 300 m³: 1,18 s |
| A2 | Sprache, Vortrag | T = 0,37 · lg(V) − 0,14 s | Aula 800 m³: 0,93 s |
| A3 | Unterricht, Kommunikation | T = 0,32 · lg(V) − 0,17 s | Klassenraum 200 m³: 0,57 s |
| A4 | Unterricht inklusiv, erhöhter Anspruch | T = 0,26 · lg(V) − 0,14 s | Klassenraum 200 m³: 0,46 s |
| A5 | Sport | T = 0,75 · lg(V) − 1,0 s bis 10.000 m³, darüber 2,0 s | Sporthalle 3.000 m³: 1,61 s |
V in m³, lg = dekadischer Logarithmus. Der Nachweis gilt für den Zustand mit 80 % Besetzung.
Das Toleranzband
Die gemessene oder berechnete Nachhallzeit muss nicht exakt T_soll treffen. Zwischen 250 und 2000 Hz darf sie zwischen 80 und 120 Prozent des Sollwerts liegen. Bei 125 Hz ist das Band weiter, von 65 bis 145 Prozent, bei 4000 Hz reicht es nach unten bis 65 Prozent, nach oben bleibt es bei 120 Prozent. Ein Raum erfüllt die Norm erst, wenn jedes Oktavband im Band liegt, ein einzelner Ausreißer bei 125 Hz reicht für ein „nicht erfüllt“.
Gruppe B: Räume ohne Hörsamkeit über größere Entfernungen
Flure, Foyers, Speiseräume, Verkaufsflächen, Werkstätten oder Bewegungsräume gehören in Gruppe B. Hier nennt die Norm keine Nachhallzeit, sondern Richtwerte für das Verhältnis von äquivalenter Absorptionsfläche zu Raumvolumen, A/V, gestaffelt nach Aufenthaltsdauer und Anspruch in B2 bis B5. Für Räume bis 2,50 m Höhe stehen feste Werte in Tabelle 3 der Norm, für höhere Räume gilt A/V ≥ 1 / (c + 4,69 · lg(h)) mit einer Konstante c je Raumgruppe. Auch dieser Nachweis wird je Oktavband von 250 bis 2000 Hz geführt.
Wie der Nachweis geführt wird
- Raum einstufen: Nutzung, Gruppe, gegebenenfalls erhöhter Anspruch (A4 statt A3, etwa für Kitas und inklusiven Unterricht).
- Sollwert berechnen: T_soll aus dem Volumen oder A/V aus Höhe und Gruppe.
- Ist-Zustand rechnen: Nachhallzeit je Oktavband nach Sabine aus Volumen und Absorptionsflächen aller Oberflächen und der Einrichtung (DIN EN 12354-6).
- Absorptionsbedarf ermitteln: Wie viel äquivalente Absorptionsfläche je Oktavband fehlt.
- Maßnahmen dimensionieren: Absorber mit geprüften Absorptionsgraden nach DIN EN ISO 354 so wählen und platzieren, dass jedes Band im Toleranzbereich landet.
- Dokumentieren: Soll gegen Ist je Oktavband mit Band, Mengen, Platzierung. Das ist das Gutachten.
Wann DIN 18041 verbindlich ist
DIN 18041 ist eine Norm, kein Gesetz, und sie ist nicht bauaufsichtlich eingeführt. Verbindlich wird sie auf drei Wegen: über die Arbeitsstättenregel ASR A3.7, die für Räume in Bildungsstätten eine eigene Sollformel nennt, die der Raumgruppe A3 der DIN 18041 entspricht, über die Unfallversicherungsträger (DGUV Regel 102-602 für Kitas, DGUV Regel 102-601 und DGUV Information 202-090 für Schulen) und über den Vertrag, wenn Bauherr oder Träger sie als Anforderung festschreiben. In allen drei Fällen ist ein prüffähiger Nachweis der einzige Weg, die Erfüllung zu belegen.
Ist die DIN 18041 also Pflicht? Als Gesetz nicht. Zu den drei Wegen kommen Vorgaben der Länder und Bedingungen von Förderprogrammen. Die Übersicht zeigt, wann welcher Weg greift.
| Weg | Wann die Norm greift | Fundstelle |
|---|---|---|
| Arbeitsschutz | In Kitas, Schulen und Hochschulen gilt für die Nachhallzeit die Sollformel der Raumgruppe A3. Wer die ASR einhält, kann davon ausgehen, die Arbeitsstättenverordnung zu erfüllen. Wer abweicht, muss gleichwertig schützen. | ASR A3.7, Abschnitt 5.2.2 |
| Unfallversicherung, Kita | Bau- und raumakustische Anforderungen entsprechend der Nutzung. Die Regel dazu nennt die Nachhallzeiten der DIN 18041 für Gruppenräume, Spielflure, Bewegungsräume und das Essen. | DGUV Vorschrift 82, § 6; DGUV Regel 102-602 |
| Unfallversicherung, Schule | Klassenräume üblicher Größe 0,5 bis 0,6 s. Bei Kindern mit Hörminderung oder Unterricht in einer Sprache, die nicht Muttersprache ist, 0,4 bis 0,5 s. | DGUV Regel 102-601 |
| Landesvorgabe | Berlin verlangt für neue Schulen eine qualifizierte Akustikberatung und den Nachweis nach DIN 18041, belegt durch Messung der Nachhallzeit. | Leitfaden für den Neubau von Schulen, Berliner Schulbauoffensive, Dezember 2025 |
| Vertrag | Ist die Norm vertraglich vereinbart, hat ein Werk, das sie nicht einhält, einen Sachmangel. Für Kitas müssen Planungs- und Bauaufträge schriftlich auf die DGUV Vorschrift 82 und den Stand der Technik verpflichten. | § 633 BGB; DGUV Vorschrift 82, § 3 |
| Förderung | Wenn die Förderbedingungen sie nennen. Das regelt jedes Programm selbst. | Richtlinie des Programms |
Für Büros nennt die ASR A3.7 in Abschnitt 5.2.1 eigene Höchstwerte. Besprechungsräume legen wir auch dort nach DIN 18041 aus.
Welche Förderprogramme es für Kita und Schule gibt, steht auf unserer Seite zur Förderung der Raumakustik.
Die Norm im Überblick
DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen“ erschien in der aktuellen Fassung im März 2016 und löste die Ausgabe von 2004 ab. Sie gilt für Räume der Gruppe A bis etwa 5.000 m³ und für Sport- und Schwimmhallen bis 30.000 m³. Gegenüber 2004 wurden die Raumgruppen neu gefasst (A1 bis A5, B1 bis B5), die Raumgruppe A4 für inklusive Nutzung eingeführt und die Anforderungen an Gruppe B als A/V-Werte festgelegt. Konzertsäle, Opern und Theater behandelt die Norm nicht, dort gelten eigene Planungsziele.
Typische Fehler beim Nachweis
- Nur der Mittelwert: Der Nachweis gilt je Oktavband. Ein Mittelwert über 500 bis 2000 Hz verdeckt das Problem bei 125 und 250 Hz.
- Einzahlwert statt Bandwerte: αw und die Absorberklasse sind Zusammenfassungen. Gerechnet wird mit den Absorptionsgraden je Band aus der Hallraummessung.
- Verdeckte Flächen doppelt gezählt: Ein Absorber vor einer Wand ersetzt die Wandfläche, er kommt nicht hinzu.
- Besetzung vergessen: Der Sollwert gilt für 80 Prozent Besetzung. Personen absorbieren, ihre Werte gehören belegt in die Rechnung.
- Falsche Gruppe: Ein Besprechungsraum ist A3, kein Büro nach ASR. Ein Kinderrestaurant ist B5, kein Speiseraum B3. Die Einstufung gehört begründet ins Gutachten.
DIN 18041 und DIN 4109: nicht verwechseln
DIN 18041 regelt die Hörsamkeit im Raum, also Nachhall und Sprachverständlichkeit. DIN 4109 regelt den Schallschutz zwischen Räumen und gegen Außenlärm, also Wände, Decken, Fenster. Ein Raum kann nach DIN 4109 gut gedämmt und nach DIN 18041 trotzdem hallig sein. Beides sind getrennte Nachweise. Das Raumakustik-Gutachten deckt DIN 18041 und ASR A3.7 ab. Den Schallschutz zwischen Räumen planen wir in der Planungsbegleitung mit.
Häufige Fragen
- Welche Nachhallzeit gilt für ein Klassenzimmer?
- Für ein Klassenzimmer mit 200 m³ ergibt DIN 18041 in Raumgruppe A3 eine Soll-Nachhallzeit von 0,57 Sekunden, bei erhöhtem Anspruch (A4, inklusiver Unterricht) 0,46 Sekunden. Erlaubt ist zwischen 250 und 2000 Hz eine Abweichung von 20 Prozent nach oben und unten.
- Gilt DIN 18041 für Büros?
- Büros fallen in der Regel unter die Arbeitsstättenregel ASR A3.7, die eigene Höchstwerte nennt: 0,8 Sekunden im Einzel- und Zweierbüro, 0,6 Sekunden im Mehrpersonenbüro, 0,5 Sekunden im Callcenter, jeweils je Oktavband von 250 bis 2000 Hz im unbesetzten Raum. Besprechungsräume werden nach DIN 18041 Raumgruppe A3 ausgelegt.
- Reicht eine Berechnung oder muss gemessen werden?
- Für Planung und Nachweis reicht die Berechnung nach DIN EN 12354-6 aus Volumen und Absorptionsflächen. Eine Messung nach DIN EN ISO 3382-2 ist für die Abnahme sinnvoll oder dort nötig, wo ein Landesstandard sie fordert.
- Was ist der Unterschied zwischen A3 und A4?
- A4 ist die strengere Auslegung für Räume mit erhöhtem Anspruch an die Sprachverständlichkeit, etwa inklusiver Unterricht, Fremdsprachen, Kinder mit Hörminderung. Die Soll-Nachhallzeit liegt rund 20 Prozent unter A3. Für Kitas legen wir Gruppenräume nach A4 aus.
- Ist die DIN 18041 Pflicht?
- Als Gesetz nicht. Ihre Werte werden auf mehreren Wegen verbindlich. Die ASR A3.7 übernimmt für Kitas, Schulen und Hochschulen den Sollwert der Raumgruppe A3. Die DGUV-Regel für Kitas nennt die Nachhallzeiten der Norm als Maßstab. Dazu kommen Landesvorgaben wie im Berliner Schulbau und Verträge, die die Norm vereinbaren.
- Gilt DIN 18041 auch für bestehende Gebäude?
- Die Norm gilt für Planung und Nachweis, nicht rückwirkend für jeden Bestandsraum. Verbindlich wird sie im Bestand über die ASR A3.7 bei Umbau oder bei Beschwerden, über die Unfallkasse und über Verträge. Für die Beurteilung bestehender Unterrichtsräume gilt A3 als Maßstab.
- Ist DIN 18041 bauaufsichtlich eingeführt?
- Nein. Sie wirkt als anerkannte Regel der Technik über ASR A3.7, DGUV-Regeln und Verträge, nicht über die Landesbauordnungen.
Quellen
- DIN 18041:2016-03 „Hörsamkeit in Räumen“, DIN Media
- ASR A3.7 „Lärm“, Ausgabe März 2021, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
- DGUV Regel 102-602 „Branche Kindertageseinrichtung“
- DGUV Information 202-090 „Klasse(n) – Räume für Schulen“
- Christian Nocke: „DIN 18041 - a German view“, Euronoise 2018, Tabellen 1 bis 3
- Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, BDA, VBE: „Akustik im Schulbau. Neue Konzepte und Empfehlungen“, 1. Auflage 2024
- DGUV Vorschrift 82 „Kindertageseinrichtungen“, Mai 2007
- DGUV Regel 102-601 „Branche Schule“, Ausgabe August 2019
- Leitfaden für den Neubau von Schulen, Berliner Schulbauoffensive, Stand Dezember 2025
- Bürgerliches Gesetzbuch § 633 (Sach- und Rechtsmangel)
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